Darling Jim
Psychothriller
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zum Zusatzkapitel Bronagh's Confessional (PDF)
Malahide, nördlich von Dublin. Vor nicht allzu langer Zeit.
Die Bewohner des Ortes mieden das Haus, noch lange nachdem
es desinfiziert und für Nachmieter bewohnbar gemacht worden
war und die Leichen friedlich unter der Erde ruhten. »Es ist verflucht
«, flüsterten die Klatschbasen in der Nachbarschaft und
nickten bedeutungsschwer. »Ein Spukhaus. Todesgefahr«, riefen
die Kinder, wagten aber höchstens ein oder zwei Schritte in den
Vorgarten, bevor der Mut sie verließ.
Denn was Desmond der Postbote im Inneren entdeckt hatte,
konnte man nur als widernatürlich bezeichnen.
Alle mochten Desmond, obwohl er vielleicht ein bisschen zu
neugierig war. Außerdem hielt er sich sklavisch an Rituale und
bemerkte sofort, wenn ein Rasen gemäht werden musste oder an
einem Flaggenmast die Farbe abblätterte. Seine Schuldgefühle,
so viele Einzelheiten wahrgenommen zu haben, ohne ihre wahre
Bedeutung zu verstehen, kosteten ihn in Verbindung mit seiner
eigentlich sehr geselligen Art schließlich den Verstand.
Am letzten glücklichen Tag seines Lebens lieferte dieser anspruchsvollste
Genießer des Kaffees seiner Kunden in dem ruhigen
Viertel gleich neben dem Malahider Bahnhof die Post so
langsam aus, wie es gerade noch möglich war, wenn er nicht als
Spanner auffallen wollte. Er begann dort, wo die Bars von New
Street auf die pseudobayerische Scheußlichkeit des betonierten Jachthafens trafen, und bog nach links in Richtung Bisset Strands ein. Wie immer linste der alte Des in alle Fenster. Es war ja
durchaus möglich, dass jemand, den er kannte, im Inneren mit
einem frisch aufgebrühten Tässchen wartete, und auch diesmal
wurde er nicht enttäuscht. Vor dem Ende des ersten Häuserblocks
hatte er sich schon zwei Tassen einverleibt. Die meisten Bewohner
des Viertels hatten sein einsames Bedürfnis nach Aufmerksamkeit
inzwischen akzeptiert. Wenn er »zufällig vorbeikam« und
sich auf einen Morgenkaffee einladen ließ, durfte er sich wenigstens
für einen Augenblick fühlen, als sei er ein Mitglied ihrer
Gemeinschaft. Er sagte immer: »Wunderbares Aroma.« Er beanspruchte
ihre Gastfreundschaft nie über Gebühr und schenkte
allen zur Begrüßung ein Lächeln, das sie augenblicklich für diese
seltsame, kleine Gestalt erwärmte. Ein Grinsen, das sein ganzes
Gesicht aufleuchten ließ.
Bis Desmond die Leichen fand, galt er in der Nachbarschaft als
völlig harmlos.
Seine Freizeit, wenn man es so nennen will, verbrachte er im
sicheren Hafen von Gibney’s Pub, wo er verstohlen die Frauen
anstarrte, wenn ihre Ehemänner gerade nicht hinsahen, und seinen
kümmerlichen Lohn beim Buchmacher nebenan verwettete,
wenn im Fernsehen ein Pferderennen übertragen wurde,
was ziemlich oft der Fall war. Er schleppte schon seit mehr als
achtzehn Jahren seinen schwarzen Postsack über die rissigen
Gehwege des alten Strandbades, starrte Tag für Tag die gleichen
aschgrauen Häuser an, deren Farbe vom Salz des nahen Meeres
ausgebleicht war, und fühlte sich in dieser Monotonie sicher aufgehoben.
Ein Ausflug in die nur eine halbe Zugstunde entfernte Stadt
hätte eine Sehnsucht nach Überraschungen und der großen weiten
Welt erfordert, die ihm unvorstellbar fremd erschien.